inhalt katalog Im Content sind Sie im Lead
Ein kurzer Sachbericht über die Kunstförderung einer 7/24 Bank
Holger Trop
"Wenn man sich durch Kommunikation in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht hat, sollte man dann nicht ganz auf die Kommunikation verzichten? Nein. Selbst wenn man sich durch Kommunikation in Schwierigkeiten bringt, sollte man weiter kommunizieren. Mehr Kommunikation - nicht weniger - ist die Antwort."
L. Ron Hubbard, Dianetik 55


Dass es sie gab, dass sie anders waren, dass sie den Kontakt suchten, wusste man seit 1997, auch wenn zunächst niemand etwas davon verlauten ließ. Sie gründeten einen neuen militärisch ökonomischen Außenposten, hieß es. Man sprach von größerer Schlagkraft und einer irgendwie neuartigen Geschmeidigkeit in ihrem militärischen und ökonomischen Handeln. Erst nach und nach setzte sich bei den Geheimdiensten und Journalisten die Erkenntnis fest, dass zwar an ihrer Existenz kein vernünftiger Zweifel mehr bestand. Sie kommunizierten mit uns. Von ihnen war einiges zu erwarten, aber ihre Intelligenz schien nicht größer als unsere. Die Nachricht traf uns unvorbereitet und wie ein Schock. Ihre Intelligenz war vielleicht sogar niedriger, man sprach über dieses Thema nicht öffentlich. Es war in jedem Fall alles ganz anders als die Menschen es sich sehnsüchtig in ihren Phantasien über das außerirdische Leben vorgestellt hatten. Wir waren mit Aliens in Kontakt, die technisch und sozial offenbar nicht deutlich weiter fortgeschritten waren als wir selbst. Ihre Nachrichten und Handlungen zeigten alle Anzeichen einer primitiven Kultur. Sie ließen sich in Frankfurt nieder und in Bonn.

Zunächst gab es einen riesigen Presserummel. Wie reagierte die Öffentlichkeit auf den endgültigen Beweis außerirdischer Intelligenz? Was würde passieren? Ein Krieg der Welten? Nein. Alien Gastarbeiter? Versklavung? Konflikte wurden in keinem der Gremien wirklich erwogen. Beiden Seiten fehlte für offene Aggressionen Mut oder Talent. Man strebte in den gewohnten politischen Ausschüssen einer Kooperation, einem Bündnis zu. Der Pakt, der Minimalkonsens wurde gesucht. Man wollte Kompromisse mit den Außerirdischen schließen. Sie sollten Familienmitglieder werden. Die unwahrscheinlichsten Hoffnungen wurden auf die Aliens projiziert. Weil es sie gab, so mussten sie auch Dinge können, von denen man noch nie gehört und gesehen hatte. Man kündigte die Unwahrscheinlichkeit schlechthin als große Hoffnung an: Eine Kooperation von Gleichberechtigten. Cross-Culture zweier Verbündeter. Zumindest anfangs bildete man sich ein, dass es funktioniert.

Eine völlig neuartige Alien-Public-Partnership wurde begründet. Es flossen Millionen in die leere Haushaltskasse, der Anschluss an die intergalaktische Mediengesellschaft war vollzogen. Sie kamen mit Wappen und anderen Zeichen. Ihre vornehmliche imperiale Leistung war, alles was sie taten, mit penetranter Akribie zu labeln. Man erkannte alle ihre Unternehmungen von weitem. Logos und Symbole waren ihre Kultur. Zunächst aber wurden neue bunte Multimediamaschinen gekauft. Sie versprachen uns: Alles wird gut.

Der 7/24 Alien-Partner bekam seine Clippings über unsere einmalige Kooperation. Er war glücklich und sonnte sich in Phantasie und Hausfrauen-Hausse an den neuen irdischen Märkten. Es fiel kein unschönes Wort über unterschiedliche Kultur oder verschiedene Entwicklungszyklen. Unser Alienpartner war eher mit sich selbst beschäftigt. Bei sporadischen Treffen freute man sich über das gemeinsame Wording, und fröhlich wurden die nächsten Schritte commited.

Ein Kongress mit einem für die Alien Economy üblichen Thema wurde veranstaltet. Wir kannten unsere Rolle nicht. Vielleicht hielten sie uns für eine Agentur? Es kamen kaum Besucher. Die Aliens dachten in Benchmarks und Milestones, nicht in Zielen. Es gab kein Ziel, außer Gewinnmaximierung. Sie hatten uns auf ihre Weise als Freunde akzeptiert. Wir wurden als kreative Spezies eingeordnet, eine Spezies, für die es eben gewisse Regeln gab. Sie hätten uns auch einen Violinwettbewerb abverlangen können. Wir waren mit dem Kongress gut bedient. Vor allem musste man sagen: Die Aliens waren gelandet und kein Problem schien in Sicht. War es vielleicht doch eine uns überlegene Rasse? Ihre fortwährende Neukonfiguration erlaubte dazu keine Rückschlüsse.

Ihre mitgebrachten Schätze immerhin waren immens. Bestehende Verständigungsprobleme wurden verdrängt. Wir bastelten fröhlich und ohne Sorge an unseren Projekten und genossen die Freiheit von Kunst und Lehre. Wir hatten begriffen, dass wir für sie nicht von Bedeutung waren, oder von einer so anderen, fremdartigen Bedeutung, dass es egal war, was wir tun.

Überraschend und plötzlich kam dann das Ende dieses Selbstverständnisses. Der wichtigste Mentor der Kooperation verließ die Führungsetage der Aliens und hinterließ ein Vakuum. Alle Fragen wurden in den folgenden Monaten mit unterschiedlichen Zuständigen der mittleren Führungsebene immer wieder neu besprochen, ohne dass eine Entscheidung fiel. Die Besprechungen schienen so selbstverständlich und folgenlos wie vorher unsere Arbeit und unsere Kunst. Wo früher Kompetenz signalisiert wurde, herrschte von nun an abwechselnd Adhocracy und eine entscheidungsunwillige Gleichmäßigkeit. Es war keine Kommunikation in althergebrachtem Sinne. Etwas zwang uns zusammen, woraus sich kein Ziel ableiten ließ. Nein sagen war leichter als Ja sagen, und ein Prinzip Verantwortung existierte nicht.

Das Geld floss weiter, nur gab es auf einmal unterschiedliche Ansichten über die Zwecke einzelner Summen und des gesamten Programms.
Langsam wurden die Verständigungsprobleme deutlich. Das Aufbegehren des mittleren Managements und die Schreie nach Shareholder Value ließ sie uns nun unter Usability-Gesichtspunkten betrachten. Einen Ausweg versprach die Gründung der Lenkungsgruppe. Paritätisch besetzt sollte sie sein und gemeinsame Themen finden. "Im Content sind Sie im Lead" war dann die Antwort, wenn die Aliens ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten, weil sie mit internen Umstrukturierungsmaßnahmen beschäftigt waren. Alle Vorstellungen, was unser Content sei, wurden gemeinsam entwickelt. Gemeinsam hieß, wir würden solange etwas vorschlagen, bis es ihnen gefällt. Immer wieder fuhren wir mit dem "Sprinter" nach Frankfurt oder Bonn.

Bei den Aliens vermehrten sich gleichzeitig mit einem allmählichen Desinteresse die Bekundungen zur Wichtigkeit der Kooperation. Inzwischen hieß es nicht mehr: Können wir im Konzept den Punkt xy ändern sondern: "strike through". Sollte Durchstreichen heißen.
Projektvorschläge wurden akzeptiert, schleichend ausgehöhlt bis zum Skelett und dann mit neuem synthetischen Alienfleisch gefüllt. Aber immer wieder: "Im Content sind Sie im Lead". Wir verhandeln nicht mehr nur über Rahmenbedingungen, sondern über künstlerische Inhalte. Wir committen wie zuvor, aber im Streitfall macht der Partner vom Hausrecht Gebrauch und zensiert. War alles ein Irrtum, ein Kommunikationsproblem. Vielleicht hatten wir doch nicht das gleiche Wording.

Ganz schmucklos, mit einer Begründung, die nur in Alienkultur nachvollziehbar ist, wird die gemeinsame Sache nach Belieben instrumentalisiert. Mal als Werbegag auf einer Messe oder als Unterhaltungsprogramm für VIP-Kunden. Wir wurden zu den Alien-Veranstaltungen natürlich nicht eingeladen.

Die Infiltration der Alienkultur wirkt sich auf den Alltag der Menschen aus und beeinflusst die Kunst. Die Alien-Kultur ist autonom und begrenzt. Sie ist von einer Art innerer Genügsamkeit geprägt, und sie ist von der Präsentationsform bestimmt, von Bezeichnung, Überschaubarkeit und Ort. Ambitioniert wird Alien-Kultur nur im Spektakel, als Event. Es braucht deshalb keine prophetischen Fähigkeiten, die Überlegenheit der Alien-Kultur in diesem bestimmten, aber entscheidenden Punkt anzuerkennen: Sie ist sozusagen rustikal. Sie ist kompakt. Sie ist reduktionistisch wie eine Fernseh-Soap. Wenn wir mehr über Geschichte, Sprache und Verhalten unserer Nachbarn herausgefunden haben werden, könnten sogar Alien-Seifenopern übersetzt werden. Zu Anfang braucht man vielleicht eine ausführliche Erklärung der kulturellen Unterschiede, aber bald wird das überflüssig. Bald werden die Aliens sich besinnen, dass sie sich die anderen Kulturen nur aus dem typischen Ehrgeiz einer kolonisierenden außerirdischen Kultur ausgeliehen haben, dass sie aber selbst Kultur nur im Mitnahme-Modus verwenden, als obligatorischen Gesellschaftsbestandteil, den die Alienführer vor Jahrzehnten oder gar Lichtjahren entdeckten und den sie nun wenigstens operativ nutzen wollen.

Es kann sogar so weit kommen, dass Alien-Kinofilme Hollywood in Bedrängnis bringen. Aliens lieben Feuerschlucker und Raketenkunst, auch Feuerwerke und alle Formen von Kirmesboxen oder Produktdesign als Pop-Projekt. Wenn sich dies alles mischen lässt, so können wir vorhersagen, lässt sich Alien-Kultur leicht ablösen von den terranischen Kulturen und ihren Kooperationsversuchen. Alien-Kultur wird dann die Frage nach der Überlegenheit der Außerirdischen neu beantworten, als Überlegenheit durch eine primitivere Lebensform. Es werden sich Fanclubs bilden, in denen terranische Cross-Culture-Freunde sich mit den Alienes solidarisieren, ja, der Alien steckt ja schon in den Kooperationsversuchen. Erst spät stellt man fest, dass die Kooperation mit den Aliens die Erlösung terranischer Sehnsüchte sein könnte, wenn sich alienistische Kultur nicht mehr als terranische Kunst verkleiden muss.

"Im Content sind Sie im Lead" heißt so gesehen, der Content ist uns egal. Alien-Kultur ist eine Affinity für den User, manchmal auch Blattgold für das Branding. Wer den Aliens Content anbietet, muss mit ihrem Exit rechnen, wenn Ultraschallflötenensembles gerade besseren Zulauf versprechen. Als Alien-Cross-Culturalist muss man First Mover sein, sonst ist man auch nicht im Lead.

Mit Startrek NG zu sprechen, sind unsere Kooperationspartner also profitgierige Ferengi
1, für die Utopien und Ideen Affinities sind. Die Forschung kennt zahlreiche schreckliche Schicksale, in denen Aliens dem Wahnsinn anheimfielen, weil sie Sehnsüchte entwickelten, die ihre klare Perspektive störten, bis ihnen die Kunst nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte und sie ihrer nervösen terranischen Infekte wegen in abgeschiedene Kolonien verbannt wurden, aus denen sie nie wieder freikamen. High Potentials starben so einen grausamen Tod. Eine ungeschriebene Übereinkunft der Aliens sagt, dass Ferengi am Ende ihres Lebens die Autonomie von Gedanken erproben. Es ist eine Einstimmung auf ihre letzten Tage. Die Aliens nennen das Later-Stage-Reflection, eine Übertreibung und Melancholie, die einem nur gut bekommt, sagt man in ihren Galaxien, wenn man an der Schwelle zum Tode steht. Manche von ihnen gründen schon vorher Korporationen, in denen die Kultur zum Hauptzweck erhoben wird. Sie durchleiden dann das ermüdende Schicksal der Alien-Public-Partnerships, ohne je Terraner zu werden, Heimatlose in den B-Ebenen der Cross-Culture-Slums. Das Ausmaß ihres Elends ist unermesslich, weil man sich eingestehen muss, dass die Terraner selbst sich so gut es geht dem Vorbild der Aliens beugen, von ihren primitiveren Mentoren nicht ganz ernst genommen, aber längst bemüht, den High-Art-Kolonien zu entkommen.

Ich selbst werde mich mit meiner Familie als
Ferengi einbürgern und es macht mich nicht unglücklich. Nur keine Partnerships mehr, ist der mich beherrschende Gedanke. Ich will Alien werden und halte Widerstandsnester für keine allzu gute Idee. Ich arbeite an einem interaktiven Feuerschluckerpark und werde sehen, was daraus wird.


Abdruck mit freundlicher Genehmigumg des BE Magazins
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1) Was sind Ferengi? Gleich in mehreren Quadranten genießen die Ferengi einen legendären Ruf als Geschäftemacher. Ihre Kultur basiert ganz und gar auf dem Kapitalismus - man könnte sie als moderne Raubritter des Alls bezeichnen. Bei den Ferengi ist mit Geld alles möglich. Man kann sich sogar aus dem Gefängnis freikaufen. Sozialer Status und auch militärische Ränge hängen in erster Linie von Reichtum und Rücksichtslosigkeit ab - Eigenschaften, die bei Ferengi-Männern als erstrebenswert gelten.
http://www.trekonline.de/datenbanken/sventrek/rassen/ferengi.htm